Lest doch, was ihr wollt!

…oder: Warum der Literaturkanon auch nur eine To-Do-Liste ist.

Die famose Saskia hat heute auf ihrem gleichermaßen famosen Blog whoiskafka.de einen sehr schönen Beitrag über Lesevorurteile und Leseverhalten gepostet – da habe ich mich gleich angesprochen gefühlt und ein Schwester-Plädoyer verfasst.

 

Was müssen wir lesen, was dürfen wir lesen, und was lesen wir tatsächlich? Über welche Lieblingsbücher trauen wir uns zu reden – und mit wem? Wer von uns gibt zu, alle „Twilight“-Bände verschlungen oder die gesamten „Batman“-Comics im Regal stehen zu haben? Wer hat in der Schule damals die „Buddenbrooks“ wirklich ganz gelesen, oder, wenn wir ehrlich sind, das Versäumte, Quergelesene im Studium nachgeholt? Oder sich bei „Die Verwandlung“ nicht gefragt, ob Kafka nicht einen Dachschaden hatte, und was zum Teufel die Schwester da eigentlich macht?
Es ist das leidige Problem des Kanons – welcher Literaturwissenschaftler, welcher Lehrer oder Verlagsmensch kennt es nicht? Und am Ende: Welcher Leser bleibt davon unberührt?

Es gibt solche Texte, die als Dauerbrenner der Literaturwissenschaft gelten, aus sehr unterschiedlichen Gründen.
– Weil sie als mustergültig für eine bestimmte Gattung gelten.
– Weil sie das „Wahre, Schöne, Gute“ in der Kunst widerspiegeln, über ihre Entstehungsepoche hinaus, die für die deutschsprachige kanonische Literatur viel zu oft die Romantik ist.
– Weil sie für ihre Zeit Neuerungen dargestellt haben, oft genug experimentell waren, auch wenn sie uns heute sperrig oder schwerfällig erscheinen mögen.
– Weil sie Diskussionen angeregt und den Diskurs über Literatur und ihre Inhalte aus der Literatur herausgetragen haben.
– Weil sie Ideen enthalten, die provokant, ja, auf Zeitgenossen geradezu revolutionär gewirkt haben müssen, und die uns heute noch bewegen.

Es gibt zig Gründe, warum Klassiker als Klassiker gelten, oftmals zu Recht. Aber es gibt mindestens ebenso viele Gründe, die dafür sprechen, den sogenannten Kanon nicht zu überschätzen.
Nicht nur, dass jedes Feuilleton, jeder Verlag, jedes literaturwissenschaftliche Institut an jeder Uni, sogar jeder Dozent eine eigene Vorstellung davon hat, was kanonisch ist und was nicht: Vieles von dem, was in Klassik-Editionen neuaufgelegt oder als Pflichtlektüre auf den Lehrplänen der Schulen steht, ist schlichtweg überholt – in Gedankengut, Rezeptionsgeschichte und Ästhetikanspruch.
Nichts spricht dagegen, die Schullehrpläne neuer Literatur und neuen Medien anzupassen. Warum sollte man in der Schule nicht Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ lesen, oder Michael Endes „Unendliche Geschichte“, oder Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ – Hauptsache, man kriegt die Kinder zum Lesen! (Das gilt übrigens in abgeschwächter Form auch für die Uni – Hauptsache, man kriegt die Germanistikstudenten zum Lesen!)

Und überhaupt: Es ist meine Sache, was ich lese!
So, wie niemand darüber zu urteilen hat, dass ich meine Küche Sonnengelb streiche, zwei verschiedene Socken trage, oder meinen Kaffee mit Süßstoff trinke, so sollte niemand sich ein Urteil darüber erlauben dürfen, was ich lese.
Buchgeschmäcker sind so unterschiedlich wie Kleidungsgeschmack, oder der Geschmack beim Essen. Der eine findet Kapuzenpullis unfassbar gemütlich, für den anderen sind sie ein modisches No-go. Der eine liebt Brokkoliauflauf, der andere würde jederzeit ein saftiges Steak vorziehen. Jeder esse, was er kann, nur nicht seinen Nebenmann.
Dasselbe gilt für Bücher. Ob Schwedenkrimi, Liebesroman, Shakespeare-Neuübersetzung, Graphic Novel oder Fantasyschmöker: Jeder lese, was er will.

Natürlich ist so etwas wie ein Kanon eine sinnvolle Sache, wenn man sich umfassend und fachlich ausgereift über ein bestimmtes literarisches Thema unterhalten will, sei es die Verarbeitung eines ausgewählten Gedichtmotivs, oder die Geschlechterdarstellung in einer speziellen Dramentradition, oder typische Figurenkonstellationen in Romanen seit dem späten 19. Jahrhundert.
Ein Kanon ist auch dann eine sinnvolle Sache, wenn man selbst schreibt, weil man ihn als Referenz und Ideenquelle benutzen, sich Anregung und Beispiele suchen kann – Klassiker sind nicht zuletzt deswegen Klassiker, weil sie Generationen von Schriftstellern inspiriert haben.

Aber um zu sagen, ob mir ein Buch gefällt oder nicht, muss ich nicht Literatur studieren, und auch nicht den gesamten Kanon kennen. Dafür muss ich vor allem eins: Lesen.
Und zwar die Texte, die mir Spaß machen, von Autoren, die mich beeindrucken, mit Sprache, die mir gefällt, oder einer Geschichte, die mich fesselt. Egal, wie dünn oder dick, alt oder neu, kanonisch oder trivial. Also: Lest doch, was ihr wollt!

Oder, wie einer meiner Dozenten einmal sagte: „So, schöne Ferien – und suchen Sie sich mal ein Buch, auf das Sie so richtig Lust haben!“

Buecherstapel

Wie denkt Ihr über die ganze Sache? Was lest Ihr?

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “Lest doch, was ihr wollt!

  1. „Hauptsache, man kriegt die Germanistikstudenten zum Lesen!“ – oh ja xD mein Germanistikstudium kriegt das nicht hin – wobei ich ja mit dem Bloggen gerade deswegen angefangen habe um mich mal mehr mit „meinen“ Büchern ausernanderzusetzen statt immer nur so zu tun als hätte ich gelesen, was ich lesen sollte fürs Studium…

    Liken

  2. Ahoi!
    Ich lese grundsätzlich, was ich möchte, und mir ist wurscht, was der Rest sagt. Ich habe nicht nur alle Twilight-Bücher gelesen, sondern auch den Spin-Off „The short life of Bree Tanner“. Bis auf den ersten, den ich Jahre vorher gelesen hatte, haben mir die Bücher über den schwersten Liebeskummer meines Lebens geholfen. Ich finde sie bis heute nicht gut, aber sie sind so geschrieben, dass ich sie inhaliert habe, und wegen ihrer emotionalen Bedeutung für mich werden sie für immer in meinem Regal stehen. Und das verteidige ich bis auf’s Mark.
    Bücher sind vielleicht auch mal zum Angeben da (Bücher mit Goldschnitt, besonders schöne Cover, etc.), aber hauptsächlich sollen sie Geist/Seele/Herz bewegen. Sicher, ich kann nicht nachvollziehen, was an Pilcher, 50 Shades of Grey oder manchem aktuellen Jugendbuch so toll sein soll und würde diese Bücher nicht (nochmal) in die Hand nehmen – genauso ergeht es mir aber auch bspw. mit Schiller oder Thomas Mann. Kafka entdecke ich gerade erst für mich, aber bis vor kurzem wäre er direkt nach Schiller gekommen.

    Was ich auch schon erlebt habe: man hat mich komisch angeguckt, eben WEIL ich Sachbücher, Klassiker, „sperrige“ Literatur lese und eben nicht nur Thriller, Fantasy und YA wie so viele andere Buchblogger. Da passte ich voll nicht ins Bild. Aber auch hier gilt: es ist mir egal. Ich habe einen ungeheuren Wissensdurst und will die Welt verstehen. Und ich habe einen ebenso großen Drang nach Geschichten aus dieser und anderen Welten. Ist doch super.

    Meine Schwester liest sehr selten etwas außerhalb der Schule. Wenn sie sich ein Buch aussucht, ist es sowas wie „Isch hab Geisterblitz“. Reich-Ranicki dreht sich garantiert im Grabe um, aber ich denke mir: Sie hat Spaß an einem Buch, herrgottnochmal, und auch wenn das nicht meins ist, werde ich sie darin unterstützen (und habe ihr auch die anderen beiden Teile gekauft, die sie prompt verschlungen hat). Wer bin ich denn, darüber zu urteilen, was wer liest? Es geht um den Spaß, vielleicht ein bisschen um Bildung, vielleicht auch um Horizonterweiterung…
    Die Gründe, ein Buch in die Hand zu nehmen sind vielfältig, und ich bin froh, dass es für jeden Grund, jedes Stimmungslage garantiert ein Buch gibt, das einem genau in dem Moment das Gefühl gibt, das man braucht.

    Wie ich schon auf Twitter meinte: wen das stört, darf das seiner Stehlampe erzählen.

    Cheerio
    Mareike

    Liken

  3. Man lese, was man will. Aber was man liest, ist immer ein Statement für die anderen, das dann beurteilt wird. So, wie Kleidung auch immer ein Statement ist. Der Unterschied liegt oft im Präfix: beurteilen oder verurteilen. Letzteres explizit zu machen, steht nicht jedem zu. Eine Ausnahme bei Literatur wäre eben der Lehrer oder Dozent, bei dem man etwas über Literatur lernen möchte.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.